Vielleicht hast du schon häufiger den Satz gehört „Trauer ist die Kehrseite von Liebe“ oder auch „wer wirklich viel und tief geliebt hat, trauert auch besonders lange und tief“. Das ist nicht falsch, aber es greift zu kurz und ist leider oft auch nicht richtig. Denn es berücksichtigt die Vielschichtigkeit von Trauer nicht und auch keinesfalls, dass Beziehungen ja nicht immer nur von Liebe geprägt sind.
Wenn wir einen Menschen verlieren, weil dieser verstirbt, dann betrauern wir nicht nur diesen Menschen und die Beziehung die wir hatten – oder nicht hatten – wir betrauern auch unsere Bedürfnisse nach Nähe, Versöhnung, verlorenen Möglichkeiten und noch vieles mehr. Wie leicht sind wir dabei, Trauernden ihre Emotionen abzusprechen, weil die Beziehung zum Verstorbenen von Streit, Konflikten, vielleicht auch Kontaktabbrüchen oder anderen gravierenden Einschnitten geprägt waren. Wie schnell rutschen wir in Trauerhierarchien und glauben, dass nur der- oder diejenige besonders im Schmerz verharren darf, wenn es um eine tiefe und liebevolle Verbindung ging.
In der Trauerbegleitung arbeiten wir integrativ mit den Verstorbenen indem wir sie weiter in unseren Systemen wie Familie, Freundeskreis, Team einbinden und ihnen einen neuen Platz geben. Wenn diese Beziehung aber schwierig war, ein guter Abschied nicht möglich, alte Traumata schwer wiegen, man immer die Liebe der Eltern vermisst hat, dann hilft es oft nicht zu sagen, „welch ein Glück, dass dieser Mensch nun weg ist“. Zu häufig erlebe ich in meiner Arbeit, dass nach dem Tod die späte Aufarbeitung erfolgt, wenn das Gegenüber aber nicht mehr antworten kann. Dann ist da die Trauer um Ungesagtes, um eine fehlende Entschuldigung, um das, was hätte sein können. Was man sich immer erträumt und erhofft hat und nun für immer verloren ist.
Oft wird geglaubt, dass der Tod dann die Erleichterung bringt und der Verstorbene einfach alles mit sich nimmt. Sehr selten erlebe ich das. Die Bindung bleibt über den Tod hinaus. Mit Groll und Wut, mit dem Gefühl von Ablehnung und ungeklärten Fragen. Bindung entsteht nicht nur durch die Liebe zu Verstorbenen, sie hält sich leider oft auch bei den Hinterbliebenen, wenn sie uns zu Lebzeiten nicht gut tat und wir die offenen Baustellen nirgends verorten können.
Oft lohnt es sich, nach dem Tod eines Menschen nochmal in die Aufarbeitung zu gehen. Professionelle Trauerbegleitende können hier hilfreiche Wegbegleiter sein. Bei traumatischen Erfahrungen rate ich eher zu einer Begleitung mit Traumafachpersonen, im Idealfall finden Sie jemanden, der beides anbieten kann: Trauerbegleitung in Kombination mit Traumawissen.
Es ist nie zu spät, Beziehungen nachträglich zu bearbeiten und manchmal gelingt über eine späte Heilung sehr viel Frieden im gesamten Familiensystem. Bestimmte Themen an Verstorbene zurück zu geben, sie nicht mehr in der eigenen Verantwortung zu belassen, bringt bei vielen Menschen eine deutliche Entlastung.